Nabend allerseits.
Ich möchte nicht unhöflich sein oder die Schroth-Gurte abwerten, aber was hier teilweise für gefährliches Halbwissen besteht und auch noch verbreitet wird, ist echt schlimm.
Zufällig arbeite ich in der Entwicklung von Sicherheitsgurten und kann daher folgende Aussagen machen, die einige der euren bestätigen und andere widerrum mal ganz und gar nicht.
1. Die verbauten Rückhaltesysteme, Sicherheitsgurte und Airbags, sind aufeinander abgestimmt. D.h. die Zündzeitpunkte der Gurtstraffer bzw. Schlossstraffer sind mit denen der Airbags zeitlich abgestimmt, denn nur so kann der Airbag seine zusätzliche Schutzwirkung entfalten. Entgegen der oftmals verbreiteten Meinung, ist nämlich der Sicherheitsgurt das Rückhaltesystem Nr. 1. Ohne dieses ist der Airbag annähernd nutzlos, da eine kontrollierte Führung bzw. Rückhaltung des Insassen im Falle eines Crashes nicht gegeben wäre.
2.
...die Schrothgurtautomaten rollen auch das Gurtband auf und sperren bei schnellem Zug am Gurtband....
Sicherlich tun die das, weil das notwendig ist um überhaupt die Zulassung gemäß ECE-R16 oder FMVSS 209 zu erlangen. Da sind jedoch nur die gesetzlichen Mindestanforderungen verankert und keine fahrzeugspezifischen Abstimmungen enthalten.
Diese Abstimmungen werden in aufwändiger Entwicklungsarbeit durch die Zulieferer und OEMs vorgenommen und betreffen eben nicht nur die Farbe und Länge des Gurtbandes sondern auch die Sensorik des Aufrollers (gurtband- und fahrzeugsensitive Sperrung des Aufrollers).
Desweiteren werden die kraftbegrenzenden Systeme direkt auf die Charakteristik des Fahrzeugs abgestimmt. Dabei wird der Fahrzeugverzögerungspuls (also Verzögerung wenns Auto gegen die Wand oder was anderes fährt) sowie die Insassenbelastung (Verzögerung, Brusteindrückung, Vorverlagerung, HIC, NIC etc.) im Crash ermittelt. In Versuchen und Simulationen werden dann die optimalen Kombinationen der Bauteile bestimmt, um im Falle eines Crashes die Insassenbelastung so weit wie moeglich moeglich zu reduzieren.
3. Fazit
Unter Umstaenden kann die BE des Fahrzeuges erloeschen, der schwerwiegendere Einfluss solcher Umbaumassnahmen ist jedoch eure Sicherheit und Gesundheit. Die Belastungswerte mit auf das Fahrzeug abgestimmten Rueckhaltesystem sind ertraeglicher als mit dem nachgeruesteten System.
4. Rennsport
Hier sieht das etwas anders aus, da aufgrund der hoeheren Geschwindigkeiten, Streckenbegrenzung und Mehrfachkollisionen (2nd Impact) Airbags, Gurtstraffer und Kraftbegrenzung nur beim 1st Impact helfen wuerden. Ausserdem werden im Rennsport meist Schalensitze verwendet, die eine gaenzlich andere Rueckhaltecharakteristik als Seriensitze besitzen und da den Einsatz von 5-Punkt- oder 6-Punktgurten ermoeglichen und teils vorschreiben.
Die Belastungen auf den Fahrer sind jedoch hoeher und in der zivilen Autofahrerwelt nicht mit den Anforderungen an verschiedene Fahrer vereinbar (5% Frau, 50% Mann, 95% Mann).
Also ueberlegt euch gut, was ihr an euren Rueckhaltesystemen aendert.
PS: Die Belastungen im Crash koennen auch mit starren Gurtsystemen so hoch sein, dass die super unnachgiebige Fixierung des Insassen im Fahrzeuges zu staerksten inneren Verletzungen fuehrt und es aussieht als wenn der verunfallte Insasse ausserlich unverletzt ist, die Organe aber im inneren so stark komprimiert wurden (Hirn, Herz, Lunge, Brustbereich) dass es dabei direkt zum Tode fuehrte. Abgerissene Hauptschlagadern sind dabei auch keine Seltenheit.
Schoenen Sonntag noch und gute Fahrt
